Die Geburt eines Kindes ist ein tiefgreifendes Ereignis – auch für Väter. Zwischen Freude, Verantwortung, Schlafmangel und neuen Erwartungen geraten viele Männer in eine Phase, die herausfordernder ist als erwartet.
Werdende und frischgebackene Väter haben ein erhöhtes Suchtpotenzial – diese Erkenntnis überrascht. Es wird selten offen über das Thema gesprochen, aber Studien zeigen, dass Männer in der Lebensphase rund um die Geburt häufiger und riskanter Alkohol oder andere Substanzen konsumieren als zuvor. Nicht zwingend aus Genuss, sondern auch als Bewältigungsstrategie. Der Druck, «funktionieren» zu müssen, die veränderte Partnerschaft, finanzielle Verantwortung und der Wandel der eigenen Freizeitgestaltung können belasten. Oft wird dies nicht offen thematisiert – weder im Freundeskreis noch im Hilfesystem.
Die Geburt eines Kindes ist wunderschön, kann aber auch ein kritisches Lebensereignis sein. Kritisch meint dabei nicht negativ, sondern einschneidend und von grosser Veränderung geprägt. Wenn Überforderung nicht offen thematisiert und angegangen wird, sondern unterschwellig bleibt, steigt das Risiko, Stress mit Alkohol, Substanzen oder Verhaltensweisen wie Glücksspiel zu regulieren. Genau hier sollte Prävention ansetzen: frühzeitig sensibilisieren, enttabuisieren und stärken – im Gespräch über eigene Bedürfnisse, Sorgen und Gedanken. Suchtprävention bedeutet in diesem Kontext nicht, mit erhobenem Zeigefinger zu warnen. Es geht vielmehr darum, Ressourcen zu stärken, Bewältigungsstrategien zu erweitern und Papas in ihrer neuen Rolle zu unterstützen.
Was heisst das konkret?
Viele Männer versuchen nach der Geburt ihres ersten Kindes, ihr Leben so weiterzuführen, wie bisher – einfach mit Kind. Der Stress besteht bei Ihnen oft darin, alles unter einen Hut zu bringen. Mehr Aufgaben und Verantwortungen und gleichviel Zeit! Andere sagen sich: «Jetzt hat die Familie Vorrang.» und streichen Hobbies oder Zeit für sich selbst komplett aus dem Alltag. Es fehlt die Zeit für selfcare! Beides kann zu einem starken Gefühl der Fremdbestimmtheit und Druck führen. Der Ausweg in den Konsum ist keine förderliche Strategie, um mit diesem Druck umzugehen.
Besser ist es, sich aktiv damit auseinanderzusetzen, wie im neuen Lebensabschnitt Raum geschaffen werden kann – für die Aufgaben als Vater, aber auch für sich selbst: Verzichte ich in den Babyjahren bewusst auf den nächsten Schritt auf der Karriereleiter? Gibt es Aktivitäten, Engagements, die ich abgeben kann, ohne dass es weh tut? Passt mein Sportpensum in die neue Lebensphase? Kann und will ich mein Arbeitspensum reduzieren, um Zeit zu gewinnen?
Männer ziehen sich oft zurück. Man(n) muss es alleine schaffen! Auch wenn es nicht immer einfach erscheint: Darüber reden hilft! Sich mit einem guten Freund, der Partnerin oder auch mit anderen Vätern auszutauschen, kann ein Gefühl von Sicherheit vermitteln – und Stress reduzieren. Nicht allein sein fühlt sich gut an. Ebenfalls bieten verschiedene Fachstellen Unterstützung und Beratung an. Über seine Gefühle zu sprechen ist keine Schwäche!
Wir werden immer wieder mit stressigen Situationen konfrontiert werden, welche uns auf die Palme bringen können. Dies zu verhindern ist unmöglich. Umso wichtiger ist es eigene Strategien zu entwickeln, welche dem entgegenwirken. Der erste Schritt ist die Selbstreflexion: Was ärgert und stresst mich? In welchen Situationen tritt dies auf? Danach geht es darum, das Stressniveau in solchen herausfordernden Situationen zu senken. Tief durchatmen, Händewaschen, ein eigenes Mantra aufsagen oder ein aktives Ansprechen bei der Partnerin können helfen.
Sich bereits vor der Geburt mit sich und der kommenden Veränderung auseinanderzusetzen, ist ein sinnvoller Schritt. Denn wenn es Vätern gutgeht, profitieren Partnerschaft und Kind gleichermassen.
Über den Autor: Tim Rohr arbeitet bei Suchtprävention Aargau und leitet den Papa-Kurs in den Kantonsspitälern Aarau und Baden. Der geschützte Rahmen ermöglicht ehrliche Gespräche über Zweifel, offene Fragen und Erwartungen.
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Ob zur Vorbereitung oder zum Nachlesen. Hier findest du unsere Empfehlungen für Väterbücher, die halten, was sie versprechen.