Wenn «Baba» Arabisch spricht: Eine väterliche Reise zu Identität, Sprache und erstaunten Blicken

Als Vater navigiert man nicht nur sich selbst durch die Welt, man baut auch das Schiff, mit dem die eigenen Kinder später in See stechen. Für Ahmed war früh klar: Ein zentraler Baustein dieses Schiffes wird die arabische Sprache sein. Doch was heute im Alltag mit seiner Tochter so selbstverständlich wirkt, ist das Resultat eines  tiefgreifenden Prozesses – und einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst als Mann und Vater.

Foto: Ahmed Ajil

Ich wuchs in der Deutschschweiz auf, sprach aber zuhause arabisch. Bevor ich meiner Tochter Arabisch beibringen konnte, musste ich aber meine Muttersprache für mich selbst neu entdecken.

Der lange Weg zurück zur eigenen Sprache

Das Lesen und Schreiben eignete ich mir autodidaktisch und über Kurse an. Doch die eigentliche Arbeit war nicht linguistischer, sondern emotionaler Natur. Um eine Sprache weiterzugeben, braucht man eine intakte, schöne Beziehung zu ihr. Für mich bedeutete das, mich mit meiner arabischen Identität zu versöhnen, die ich jahrelang verdrängte: Denn in einer westlich-weissen Welt war es spätestens nach den Anschlägen von 9/11 nicht gerade im Trend, als arabisch und muslimisch gelesen zu werden.

Jahrelang habe ich mich durch diesen Prozess gearbeitet. Der Durchbruch kam bei einem längeren Aufenthalt in Jordanien: Dort fühlte ich mich als arabischer Mann endlich vollkommen wohl und akzeptiert. Dieses Gefühl gab mir inneren Frieden und ein Selbstbewusstsein, das ich wieder in die Schweiz mitnahm. Spätestens dann stand der Entschluss fest: Genau diese innere Weite möchte ich meinen Kindern eröffnen.

Lieder an den Babybauch

Das Projekt «Zweisprachigkeit» habe ich schon während der Schwangerschaft aufgegleist. Konkret hiess das: Ich habe mir alte arabische Kinderlieder angeeignet, die ich selbst fast vergessen oder gar nie gekannt hatte. Ich begann, auf Arabisch zu meiner Tochter im Bauch ihrer Mutter zu sprechen und zu singen. So wurde Arabisch in meinem mentalen Gebilde bereits vor ihrer Geburt zu unserer ganz intimen Bezugssprache.

OPOL im Alltag: «Schlag es doch nach, Baba!»

Als sie auf der Welt war, starteten wir mit dem System OPOL – One Person, One Language. Die goldene Regel dabei lautet: Niemals von der eigenen Sprache abweichen.

Natürlich gab und gibt es Lücken. Manchmal fehlten mir schlichtweg die Vokabeln (Wer von euch weiss, wie man „Maulwurf” übersetzt?). Wie normal das für uns geworden ist, zeigte mir meine Tochter kürzlich auf wunderbare Weise. Als ich ihr sagte: «Dieses Wort kenne ich auf Arabisch leider nicht», antwortete sie völlig trocken: «Baba, schlag es doch nach.»

Das System funktioniert. Heute switcht die mittlerweile Vierjährige nahtlos zwischen Französisch, Schweizer- und Hochdeutsch und Arabisch hin und her. Das Potenzial eines solchen kindlichen Gehirns ist schlicht enorm.

Nicht verstanden werden

Im Alltag bedeutet das zudem zwei Dinge:

Erstens, nicht alle verstehen, was wir miteinander besprechen. Das ist völlig okay. Meine Tochter hat schon sehr früh begonnen, Dinge für andere zu übersetzen. Diese Brückenfunktion ist eine enorm wertvolle, empathische Kompetenz, von der sie ihr Leben lang profitieren wird.

Zweitens, wir werden häufig als nicht-schweizerisch wahrgenommen, in gebrochenem Hochdeutsch oder auf Englisch angesprochen. Auch das ist okay.

Denn am Ende habe ich ihr nicht nur eine Sprache weitergegeben, sondern einen inneren Kompass – ein Fundament, auf dem sie stolz, empathisch und unerschütterlich sie selbst sein kann.

Über den Autor: Ahmed Ajil ist Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Bern. Ahmed ist Kriminologe und Forscher im Bereich politisch-ideologischer Radikalisierungsprozesse und Gewalt. Am Herzen liegt ihm die diskriminierungsarme und nachhaltige Präventionsarbeit, und die Interventionsarbeit mit straffälligen Personen. 

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