Christoph wurde mit 52 zum ersten Mal Vater. Er erzählt von Vor- und Nachteilen einer Vaterschaft im fortgeschrittenen Alter, gesellschaftlichen Vorurteilen und davon, was ihm in der Beziehung zu den Kindern am wichtigsten ist.
Unsere ältere Tochter wurde geboren als ich 52 war. Bin ich damit ein später Vater? Irgendwie stört mich die Bezeichnung spät. Denn wer definiert hier spät und früh? Natürlich entspricht es nicht dem Durchschnitt, aber für mich fühlte es sich in meinem Leben nicht spät an. Ich hatte zwar das Thema Kinder für mich schon abgeschlossen, aber dann traf ich sie…und nun sind wir schon seit über 17 Jahren miteinander unterwegs. Und mit 54 kam auch noch unsere zweite Tochter auf die Welt, auch sie, welch ein Glück, gesund und munter.
Was ich wohl wie andere ältere Väter aushalten muss, sind Klischees, Vorstellungen und Vorurteile, denen man immer mal wieder begegnet. Deshalb gleich vorneweg: Nein, ich habe nicht schon aus einer früheren Beziehung Kinder. Und nein: es war kein Unfall, beide Kinder waren erwünscht. Und nein: meine Partnerin ist nicht enorm viel jünger als ich, auch sie wurde im fortgeschrittenen Alter Mutter. Und nein: für die Kinder ist es nicht oft ein Thema, nur dann, wenn sie von anderen Kindern darauf angesprochen werden, weil sie oder ihre Eltern realisieren, dass da einer aus der Norm fällt. Und hie und da wird man eben als Grossvater eingestuft. Wie von jenem Grossvater, der mir als ich mit den Kindern unterwegs war, im Lift zuraunte: «So, hast du auch einen Job gefasst?.»
Dass ältere Väter nicht nur gerne gesehen sind, musste ich bei der Debatte rund um Kinderzulagen für pensionierte Eltern merken. Eine Zweidrittelmehrheit des Nationalrates wollte 2024 die sogenannten Alterskinderrenten ganz streichen und es wurde dabei auch männer-unfreundlich ins Feld geführt, dass diese Renten ja v.a. an alte Väter gehen würden…wie wenn man davon ausginge, dass diese das Geld in den eigenen Sack steckten. Ich habe dem in einem Zeitungsartikel entgegengehalten: https://www.shn.ch/forum-meinung/forum/2024-05-16/auch-spaete-eltern-brauchen-kinderzulagen.
Ich sehe sowohl Vor- als auch Nachteile meines Alters. Ich kann diese aber nur subjektiv im Vergleich zu mir in früheren Jahren beschreiben. Ich bin nicht mehr in der beruflichen Aufbauphase, sondern eher am Konsolidieren und Abbauen. So habe ich immer wieder Phasen mit weniger beruflichem Druck. Als Selbständiger bin ich zudem ziemlich frei in meiner Zeiteinteilung. Beides zusammen erhöht meine Kapazität, aufmerksam und aufnahmebereit für die Kinder da zu sein. Auch kann ich mich selbst als «Good-enough-Vater» annehmen und habe nicht das Gefühl, ich müsste etwas beweisen. Meine Lebenserfahrung hilft mir, auch die schwierigen Phasen mit den Kindern mit etwas Gelassenheit anzugehen; da weiss ich nicht, ob ich das als jüngerer Vater auch gekonnt hätte. Das Erfahrungswissen, das Eskalationen in der Auseinandersetzung mit den Kindern oder mit der Partnerin meist nichts bringen, ist ebenfalls hilfreich.
Als Nachteil sehe ich, dass ich Schlafentzug nicht mehr so wegstecke wie früher. Das macht mich lärmempfindlicher und im Durschnitt auch dünnhäutiger. Auch nicht einfacher in unserem Alter ist das Thema Sexualität. Auch wenn ich weiss, dass dieser wichtige Bindungsfaktor als Paar nicht vernachlässigt werden sollte, fehlt aus Kräftegründen öfters die Energie, für sinnliche Paarzeit Raum zu schaffen. Vor zwanzig Jahren gab es auch die heutige Belastung durch permanente digitale Beanspruchung noch nicht. Die ertrage ich wohl weniger gut als jüngere Eltern, von denen viele digital natives sind.
Meine langjährigen Freunde sind wie ich über sechzig und zum Teil Grossväter. Im Alltag bin ich wegen der Kinder aber oft mit jüngeren Vätern und Müttern im Austausch. Dies gibt mir manchmal das Gefühl, weder zur einen noch zur anderen Generation zu gehören. Ich sehe es aber auch als eine Bereicherung, so zwischen den Generationen zu stehen und aus beiden Perspektiven auf unser aktuelles Leben zu schauen.
Besonders stark empfinde ich Dankbarkeit, dass mir das Leben zwei Kinder geschenkt hat – wie eine unverhoffte Zugabe. Und weil ich in meinem Alter meine Vergänglichkeit mehr spüre, geniesse ich Momente des Zusammenseins mit den Kindern umso mehr. Im Buch «Den Vater zur Welt bringen» sagt die kleine Tochter auf die Frage des Vaters, was eigentlich ein Vater sei, so schön: «Ein Vater ist ein Mann, der seine Kinder sehr liebhat».
Die beschränkte eigene Lebenszeit deutlicher vor Augen verwandelt auch den Blick auf die Kinder: Unabhängig vom Alter sind es die liebevollen Augenblicke, die uns im Leben zutiefst verbinden.
Über den Autor: Christoph Walser ist Vater von zwei Töchtern, 9 + 11-jährig, und lebt mit seiner Familie in Zürich. Er leitet die Stabsstelle Mentoring bei männer.ch. Als Theologe und Coach ist er freiberuflich in den Bereichen Männerarbeit, Burnoutprävention und Spiritualität tätig.
Buchtipps
Hosea und Klaus Ratschiller: Den Vater zur Welt bringen. Eine Unterhaltung. Molden-Verlag 2022
Matthias Franck: Spätzeuger. Sind ältere Männer die besseren Väter? Kösel-Verlag 2013
Jens Thiele: Das erste Mal Papa mit 50. Tolino Media 2025
Suchst du kompaktes Sach- und Erfahrungswissen sowie den Austausch mit anderen Männern? Dann bist du bei unserem Online-Vatercrashkurs an der richtigen Stelle.
Ob zur Vorbereitung oder zum Nachlesen. Hier findest du unsere Empfehlungen für Väterbücher, die halten, was sie versprechen.