Ein Baby zu verlieren – während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz danach – ist eine zutiefst erschütternde Erfahrung. Perinatale Trauer bezeichnet den oft langen und chaotischen Weg, den Eltern gehen, um mit diesem Verlust zu leben.
Auch Väter verlieren ein Kind. Dennoch bleibt ihre Trauer weitgehend unsichtbar. Die Trauer um ein verlorenes Baby konfrontiert uns mit unserem schwierigen Umgang mit dem Tod. Viele von uns wissen nicht, wie reagieren, wenn er eintritt: Oft ist da Schweigen, Vermeidung des Themas Tod und Trauer. Der Tod eines Babys verschärft dieses Unbehagen noch mehr. Ein Baby soll leben, wachsen. Es verkörpert die Zukunft. Sein Tod stört die natürliche Ordnung und erscheint als rohe Ungerechtigkeit – ohne Sinn, und nachvollziehbare Logik.
Auch das Umfeld reagiert oft hilflos. Unbedachte, oft verletzende Sätze sind häufig zu hören: „Vielleicht war es besser so“, „Ihr werdet ja noch andere Kinder haben“, „Nun müsst ihr nach vorne schauen“. Oft sind diese Worte gut gemeint – sie sollen trösten. Doch diese Absicht ist verfehlt, denn es gibt keine Worte, die den Verlust eines Kindes lindern. Solche Versuche spiegeln vor allem das Gefühl der Ohnmacht wieder, welches Angehörige angesichts einer als unerträglich empfundenen Situation erleben.
Was Trauernde wirklich stützt, ist nicht Ablenkung oder Beschwichtigung, sondern Menschen und Räume, die ihre Gefühle aushalten, – Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Schuld, Ambivalenz, Liebe – ohne sie zum Schweigen zu bringen oder zu bewerten.
Für Väter kommt zur allgemeinen Vermeidungshaltung gegenüber Trauer noch der Druck gesellschaftlicher Geschlechternormen hinzu, der ihre Trauer unsichtbar macht und ihre Berechtigung, betroffen zu sein, infrage stellt.
Alles, was rund um die Geburt passiert, wird nach wie vor überwiegend aus weiblicher Perspektive betrachtet. In diesem Kontext übernehmen viele trauernde Väter, bewusst oder unbewusst, die Vorstellung, ihr Schmerz sei zweitrangig oder weniger legitim. Manche sagen es offen: „Für sie ist es sicher schlimmer – sie hat das Kind ja getragen.“
Diese Distanzierung liegen gelernte Männlichkeitsnormen zugrunde, die schon früh vermittelt werden und sich nach dem Tod eines Babys besonders deutlich zeigen: „Sei stark. Halte durch. Unterstütze deine Partnerin. Brich nicht zusammen. Geh wieder arbeiten.“ Auch das Umfeld verstärkt diese Tendenz. Etwa durch scheinbar harmlose Fragen und Aussagen: „Wie geht es deiner Frau?“ oder „Sei stark für sie.“ Solche Aufforderungen weisen dem Vater eine Nebenrolle zu: die des Stützenden und Kontrollierten. Sie lassen wenig Raum für seine eigene Trauer.
Doch auch Väter erleben intensive Gefühle: tiefe Traurigkeit, Ohnmacht, Wut, ein starkes Gefühl der Ungerechtigkeit. Diese Emotionen sind berechtigt und sie können sich rasch abwechseln oder überlagern. Nicht selten fühlt sich ein Vater innerlich am Boden zerstört und bemüht sich gleichzeitig, nach aussen zu funktionieren und stark zu wirken. Worte für diese innere Zerrissenheit zu finden, erfordert grosse psychische Anstrengung – umso mehr, weil es kaum Räume gibt, die trauernde Väter in ihrer geschlechtsspezifischen Erfahrung verstehen und auffangen.
Mangels Worten oder Ansprechpersonen schweigen viele betroffene Väter. Auch Männer im Umfeld, die selten über Verwundbarkeit oder Trauer sprechen, tragen unbewusst zu diesem Schweigen bei. Strukturelle und institutionelle Bedingungen verstärken es zusätzlich: In der Schweiz endet der Vaterschaftsurlaub mit dem Tod des Kindes. Väter sollen dann sofort wieder arbeiten oder erhalten – wenn überhaupt – nur eine kurze Krankschreibung. Die zugrunde liegende Botschaft ist klar: Der Schmerz hat unsichtbar zu bleiben, kontrolliert und vereinbar mit Produktivität. So lernen viele Männer, zu funktionieren statt zu fühlen – oft um den Preis einer psychischen Belastung, die sich erst viel zeigt.
Spezifische Unterstützungsangebote für trauernde Väter sind nach wie vor selten. In diesem Vakuum lernen viele, sich von ihrem Schmerz abzuspalten, um weiterzumachen. Kurzfristig mag das helfen. Langfristig ist der Preis oft hoch: Entfremdung in der Partnerschaft, emotionale Isolation, Erschöpfung oder psychische Probleme.
Die Trauer von Vätern, die ein Baby verloren haben, anzuerkennen, macht eine oft verdrängte Wahrheit sichtbar: Auch Väter verlieren ein Kind. Ihre Trauer ist anders als diejenige der Mütter, weil sie von von anderen körperlichen und sozialen Bedingungen geprägt ist. Doch sie ist vollständig, tief und berechtigt. Perinatale Trauer ist kein Zustand, der „überwunden“ werden soll. Die Verlusterfahrung zu integrieren, ist ein Prozess, der Zeit, Energie und emotionale wie soziale Ressourcen erfordert. Dabei geht es nicht um „Akzeptanz“, sondern darum, mit einer Abwesenheit zu leben, die dauerhaft verändert.
Für trauernde Väter zu sorgen heisst, Räume des Mitgefühls zu schaffen und Fachleute der perinatalen und psychischen Gesundheit in geschlechtersensibler Begleitung zu schulen. Doch es braucht auch politische Entscheidungen: Solange trauernde Väter arbeiten müssen, als sei nichts geschehen, bleibt ihre Trauer unsichtbar. Trauerarbeit ist eine echte Form von Arbeit. Es gilt, Vätern die Mittel und Unterstützung zu geben, damit sie wirklich für sich sorgen können – auf emotionaler, sozialer und ganz praktischer Ebene. So können sie mit ihren Gefühlen, Werten und ihrer Identität in Verbindung bleiben, selbst inmitten eines Verlustes, der keinen Sinn zu haben scheint.
Über den Autor: Laurent Nguyen ist Mencare-Referent und Leiter von Niudad für die Westschweiz. Er ist Vater von drei Kindern, von denen zwei kurz nach der Geburt verstorben sind. In seiner selbstständigen Tätigkeit in Vevey begleitet er seit 2023 trauernde Väter auf ihrem Weg durch die Trauer.
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