Meine Sexualität – meine Verantwortung

Viele Väter vermissen gerade in der Kleinkindphase eine erfüllende Paarsexualität. Doch anstatt in eine Problemtrance zu verfallen kann es sich lohnen sich als Vater, Mann aber auch als Paar mit der eigenen und Paar-Sexualität auseinander zu setzen. Sexualtherapie kann hierbei helfen, die richtigen Fragen zu stellen.

Foto: Vivienne Schmid

Als Sexualtherapeutin wurde mir die Frage gestellt: «Was kann ich machen, wenn sie keine Sexualität mehr mit mir leben will?»

Und ich habe ein paar Fragen, die ich gerne zurückstellen möchte:

Was bedeutet für dich Sexualität?

Viele Menschen verwenden die Begriffe Sexualität, Sex und Geschlechtsverkehr als Synonyme. Dabei beschreiben sie nicht dasselbe, und eine Unterscheidung kann sich lohnen.

Sexualität umfasst weit mehr als sexuelle Handlungen. Sie zeigt sich in unserer Beziehung zum eigenen Körper, in Rollenbildern, Vorstellungen und Normen, in der sexuellen Orientierung, in Nähe, Berührung, Sinnlichkeit, Kommunikation, Fantasien, Beziehungen und unserer Lebensgeschichte. Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens und wird von Erfahrungen, Gesundheit, Krankheit, Elternschaft, Stress und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst.

Sex hingegen beschreibt sexuelle Handlungen zwischen Personen zur Lust, Intimität oder Fortpflanzung. Dabei kann der ganze Körper einbezogen werden, und Geschlechtsorgane können involviert sein, müssen jedoch nicht. Geschlechtsverkehr wiederum, worunter im heterosexuellen Kontext häufig Penis-in-Vagina-Sex (PIV-Sex) verstanden wird, ist lediglich eine mögliche Form davon.

Wenn Paare zu mir in die Sexualtherapie kommen, ist häufig nicht die sexuelle oder körperliche Funktion die Herausforderung. Oft besteht die Herausforderung darin, dass zwei (Er-)Lebensrealitäten und zwei Vorstellungen von Sexualität aufeinandertreffen, ohne dass wirklich darüber gesprochen wird.

Unterschiedliche Bedürfnisse in der Beziehung

Ein Nein muss immer gehört und akzeptiert werden. Wenn mir eine Person übergriffiges Verhalten zurückmeldet, gilt immer die Wahrnehmung der betroffenen Person. Die eigene Intention spielt an diesem Punkt keine Rolle. Es gilt, die Grenzen der anderen Person zu akzeptieren und zu respektieren.

Sexualtherapie bietet jedoch auch einen Raum, um dem «Ja» einer Person einen Platz zu geben und zu ergründen, wozu die Person in der gemeinsamen Sexualität eigentlich «Ja» sagen möchte und wozu die Partnerperson «Nein».

Sexualität ist kein Zustand

Sätze wie «Ich bin halt so» vermitteln den Eindruck einer unveränderlichen Tatsache. Lust, Lustlosigkeit, frühzeitige Ejakulation (u. v. m.) werden von Betroffenen, aber auch von Partnerpersonen häufig als Eigenschaften einer Person verstanden und dadurch als unveränderlich zementiert. Schachmatt für jeden Veränderungswunsch.

Die gute Nachricht ist: Sexualität ist etwas, das von Geburt an gelernt wird und ein Leben lang erweitert, verändert und neugestaltet werden kann. Angefangen bei der Kommunikation darüber.

Weg von der Norm, hin zum Erleben

Unser oft sehr starres Bild von Sexualität schränkt uns auch im eigenen Erleben ein, weil wir einem «Ideal», einem bestimmten Skript oder einer «Norm» hinterherjagen. Dadurch entfernen wir uns nicht selten vom eigenen Körper, von unserer Wahrnehmung und unserem tatsächlichen Erleben. Sexualität wird zu einer Performance.

Sexualtherapie begleitet Personen und Paare dabei, zu ihrer eigenen, persönlichen und individuellen Sexualität zurückzufinden.

Hier möchte ich dir in paar Denk- und Gesprächsanstösse für dich oder euch als Paar mitgeben:

  • Was bedeutet Sexualität für mich?
  • Wie lebe ich meine Sexualität aus?
  • Was schätze ich an unserer gemeinsamen Sexualität?
  • Weshalb möchte ich Sex – und weshalb habe ich Sex?

Wieso diese Reflexion sich lohnen kann:

Viele Männer haben ein sehr pornografisch gestütztes Bild von Sexualität. Diese wird oft funktional und triebhaft dargestellt. Penis-in-Vagina-Sex ist für viele die einzige Art von Paarsexualität, die sie kennen. Wenn wir aber ehrlich sind, ist Geschlechtsverkehr schon eine Disziplin für Fortgeschrittene in der Paarsexualität und braucht eine stabile Basis an zwischenmenschlichen Begegnungen, Vertrauen und Kommunikation.

Hierbei können oben aufgehführte Fragen helfen, herauszufinden was an der eigenen und gemeinsamen Sexualität geschätzt wird und weshalb diese auch so gelebt werden möchte.

Ein Beispiel: Manuel mag den Geschlechtsverkehr (GV) mit seiner Partnerin, weil er sich dann begehrt fühlt und es für ihn eine Bestätigung ist, dass sie beide auch noch als Liebespaar existieren. Er schätzt die Verbindung, die er zu Manuela spürt beim Sex, wenn sie sich in die Augen schauen. Für Manuel ist GV etwas, womit er Verbindung zu Manuela herstellen kann. Seit sie jedoch ihr zweites Kind bekommen haben, findet kein GV mehr statt, Manuel wird zunehmend gereizt und fühlt sich von Manuela abgewiesen. Der fehlende GV wird nun hierfür verantwortlich gemacht und auch als Lösung aller Probleme gesehen.

Manuela hingegen liebte es, die körperliche Nähe mit Manuel zu teilen. Berührungen beruhigten sie und verhalfen ihr von der Entspannung raus in die Lust zu kommen. Manuel nah bei sich zu spüren hat ihre Lust auf seinen Körper befeuert. Für sie war der gemeinsame Sex Entspannung und Erholung. Die Verbindung zu Manuel zu spüren, hat ihre sexuelle Lust stets gesteigert. Seit sie jedoch das zweite Kind bekommen hat, wird ihr Körper die ganze Zeit von einem oder beiden Kindern beansprucht. Stillen, Tragen, trösten – Manuela ist ständig körperlich und emotional für andere da. Und wenn die Kinder schlafen, kommt Manuel und möchte noch Sex mit ihr, welchen sie vor Erschöpfung abweist. Die Gereiztheit von Manuel schafft zudem eine emotionale Distanz zwischen ihnen beiden und ihre Lust verschwindet komplett.

Für beide ist jedoch klar, dass sie sich als Partnerperson schätzen und auch gemeinsam, als Paar miteinander verbunden bleiben möchten. Mit den oben genannten Fragen kommen beide gemeinsam in das Gespräch, verstehen besser, was die jeweiligen Bedürfnisse sind, was wiederum gegenseitiges Verständnis schafft. Sie vereinbaren, sich am Abend vor dem Schlafen gehen eine Minute Zeit zu nehmen für eine wahre Begegnung, bei der sie sich in die Augen schauen und sich gemeinsam berühren. Die Rahmenbedingungen, wie z.B. der Ort & die Art der Berührung, mit oder ohne Kleidung, im Bett oder auf dem Sofa, werden zuvor besprochen und abgemacht. Dabei fühlt sich Manuel von Manuela gesehen und spürt die Verbindung zu ihr. Manuela kann mit einer Berührung von Manuel, welche sie empfangen und geniessen darf und die nicht auf GV hinausläuft, viel besser entspannen.

Dies kann eine Basis dafür schaffen in der sie sich wieder als Paar begegnen können und eine Sexuelle Begegnung nach ihren Bedürfnissen langsam gestalten und aufbauen können.

Dieses Beispiel zeigt, dass Sexualität kein Zustand ist, sondern immer wieder neu erlebt, erkundet und gestaltet werden darf. Kommunikation, Kreativität und eine grosszügig Prise Humor helfen, nicht in eine Problemtrance zu verfallen und den gemeinsamen Weg mit der Partnerperson immer wieder aktiv mitzugestalten.

Über die Autorin:

Vivienne Schmid, Sexualpädagogin und Sexualtherapeutin mit einer Praxis in St. Gallen mit dem Ziel Gespräche über Sexualität zu normalisieren. Vivienne kommt ursprünglich aus dem Gesundheitswesen und bietet nebst Einzel- und Paarsexualtherapie Workshops, Fachvorträge und Fortbildungen für Fachpersonen zum Thema sexuelle Bildung im Gesundheitswesen an.

www.sexualberatung-fueralle.ch

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