Vom Fussballprofi zum Vollzeitpapi

Ex-Fussballprofi Tranquillo Barnetta ist als Hausmann hauptzuständig für seine Kinder, während seine Partnerin als Ärztin arbeitet. Im Interview erzählt er, wie es ist, als Mann viel Zeit mit seinem Baby zu verbringen.

2018 kam euer Sohn zur Welt, 2020 dann eure Tochter. Wie sah euer Betreuungsmodell aus?

Die Saison 2018/2019 habe ich noch fertig gespielt, da hat meine Frau am Anfang den Löwenanteil der Betreuung übernommen. Ab meinem Rücktritt beim FC St. Gallen Mitte 2019 war ich dann sehr viel zuhause. Beim zweiten Kind habe ich von Anfang an gleich viel Zeit mit dem Baby verbracht, wie meine Partnerin. Wir hatten das Privileg, oft zu zweit zu sein mit den Kindern und brauchten so auch keine Fremdbetreuung. 2021 hat meine Frau ihr Medizinstudium fortgesetzt. Seither verbringe ich als Hausmann mehr Zeit mit den Kindern.

Du bist oft alleine zuständig für deine Kinder. Was verändert das?

Ich kenne Paare, bei denen der Mann einen Papitag hat, für den die Frau aber alles vorbereitet und packt, so dass er dann einfach losgehen kann und den Tag mit dem Kind verbringen. Das ist schon anders, wenn man wirklich die alleinige Verantwortung hat. Man weiss dann, was Betreuungsarbeit wirklich bedeutet. Wenn man das Gefühl kennt, nach einem schwierigen Tag mit dem Baby komplett fertig zu sein, steigt automatisch die Wertschätzung für den andern Elternteil, wenn dieser wieder «in charge» ist.

Und was hat überwogen an den Tagen allein zuhause? Seelige Babybubble oder totale Erschöpfung?

Für mich war vor allem das ins Bett bringen am Ende des Tages sehr anstrengend mit dem Drama ums Zähneputzen und Windeln wechseln. Da hilft es, wenn man sich bewusst macht, dass 90% des Tages schön waren, statt sich über den Stress am Schluss des Tages zu ärgern. Den tagsüber gab es sehr viele schöne Stunden mit dem Baby

Wie lädst du deine Batterien denn wieder auf?

Es war neu für mich diese permanente Verantwortung zu haben. Das ist schon sehr erschöpfend. Ich höre oft, wie Bekannte sagen: «Ich bin froh, wenn ich chan go schaffe.» Das ist dann halt auch eine Auszeit von dieser Verantwortung. Und das brauchen eben beide. Dieses Verständnis habe ich als Hausmann. Wenn du fit bist, kannst du anspruchsvolle Situationen mit dem Kind besser begleiten. Darum braucht es Ruhepausen. Für beide. Bei uns gab es die zum Glück.

Nun die grosse Preisfrage: Wenn eines eurer Kinder sich heute wehtut: 
Zu wem rennt es, um getröstet zu werden?

Bei uns ist es so, dass die Person, die grad weniger da ist, stärker vermisst und umworben wird von den Kids. Das ist zurzeit meine Frau. Aber wenn etwas passiert, kommen sie eher zu mir, weil ich halt der bin, der diese Situationen öfter begleitet. Das hängt nicht mit Mann oder Frau zusammen, sondern mit Gewohnheit.

Du hast in den ersten Lebensjahren deiner beiden Kinder mehr Zeit mit ihnen verbracht als die allermeisten Väter in der Schweiz. Macht das einen Unterschied? 


Ich kann nur von uns reden. Was meine Partnerin sehr schätzt, ist, dass Papi sich auch um Sachen kümmert, die sonst wohl meist die Mütter machen: Geburtstage organisieren, kochen, Besorgungen, etc. Wenn du viel allein daheim bist, kommt das automatisch. Wenn du im Regen raus willst mit den Kindern und die Gummistiefel passen nicht mehr – dann besorgst du neue Gummistiefel. Zur Bindung kann ich nicht viel sagen, ich kenne nur meine. Ich denke, dass auch Väter, die weniger zuhause sind, eine starke Bindung zum Kind haben können.

Wir hören ab und zu den Satz «Für den Vater wird das Kind erst spannend, wenn es reden und laufen kann». Wie war das bei dir? 


Den Satz höre ich auch oft, bin damit aber überhaupt nicht einverstanden. Klar: Wenn du als Sportler zum ersten Mal Fussball oder Tennis spielen kannst mit dem Kind, ist das toll. Aber ich konnte ganz viele kleine Entwicklungsschritte im Babyalter meiner Kinder miterleben. Das hat mir enorm viel gegeben. In den ersten 1,5 Jahren kann das Kind am Abend nicht erzählen, wie der Tag war. Da bist du entweder dabei oder eben nicht. Babies reden nicht, aber sie kommunizieren doch bewusst über Gesten oder ein Lachen. Und auch nicht jedes Weinen ist dasselbe. Unzufriedenheit oder Hunger? Das hört sich anders an. Das lernst du mir der Zeit zu verstehen.


Was hast du als Hausmann in den Babyjahren über dich selbst gelernt?


Ich bin ein sehr geduldiger Mensch und habe immer gedacht: «Mich bringt nichts aus der Fassung».  Aber meine Kinder schaffen das doch immer wieder. Ich musste lernen, in solchen Situationen innezuhalten, mich zu beruhigen und dann weiterzumachen. Auch Überforderung kann geübt werden. Beim Schreikrampf in der Migros bin ich auch heute noch überfordert. Aber ich kann gelassener und selbstbewusster damit umgehen, weil ich das schon öfter erlebt habe und weiss: Wir kommen da wieder raus.

Zum Schluss: Hat dir deine Erfahrung als Profifussballer für die Aufgaben als Vater genützt? Und wie? 


Im Fussball musst du dich immer wieder auf neue Situationen einlassen. Du hast dir mit dem Team etwas vorgenommen, dann gibt’s eine rote Karte und sofort musst du dich auf eine komplett neue Situation einstellen. Das ist im Alltag mit Kindern oft ähnlich. Du hast dir den Tag so oder so vorgestellt, alles entsprechend geplant und dann kommt es ganz anders. Da hilft die Fussball-Mentalität: Nicht rumgrübeln, sondern das Beste aus der neuen Situation machen. 

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