Eltern werden – in Beziehung bleiben

Mit der Geburt eines Kindes werden aus einem Paar Eltern. Dadurch entsteht eine neue Beziehungsebene: die gemeinsame Elternschaft. Tipps für den Balanceakt zwischen Elternsein und Paarsein.
Foto: Daniel Bünter

In meiner Rolle als Väterberater des Kantons Zürich spreche ich mit Vätern nicht nur über Erziehungsfragen und den Familienalltag. In vielen Beratungen geht es auch um die Beziehung der Eltern zueinander und die Herausforderungen, die sich im Spannungsfeld zwischen Elternschaft und Partnerschaft ergeben. Hier meine Antworten auf die häufigsten Fragen.

1 Was ist für uns als Paar eine faire Rollenteilung? Eine Grundfrage der Partnerschaft

Das Wichtigste scheint mir, dass ein Paar früh miteinander ins Gespräch kommt – wenn möglich bereits während der Schwangerschaft. Solche Gespräche sollten nicht nur spontan passieren, sondern bewusst geplant werden. Mit der Geburt eines Kindes verändern sich Alltag, Bedürfnisse und Belastungen oft stark. Deshalb reicht es nicht, die Rollenteilung einmal festzulegen. Paare müssen immer wieder prüfen: Was funktioniert noch? Was hat sich verändert? Wer ist wie belastet? Und was braucht das Kind, die Mutter, der Vater und das Paar als Ganzes?

Eine faire Rollenteilung braucht nicht nur Organisation, sondern auch Mut und Ausdauer. Hilfreich ist, die Aufteilung möglichst konkret zu machen: Wer übernimmt welche Betreuungszeiten? Wer denkt an Termine, Kleider, Kita, Arztbesuche, Geschenke, Haushalt? Wer trägt welche Verantwortung – nicht nur «Wer hilft mit?» Und es hilft, sich mit anderen Eltern auszutauschen. Viele merken dann: Wir sind nicht die Einzigen, bei denen Ideal und Realität auseinanderklaffen. Das kann entlasten und Mut machen, die eigene Aufteilung wieder neu zu verhandeln.

2 Du möchtest als Vater mehr Betreuungszeit. Wie kannst du eine neue Rollenteilung verhandeln, wenn die Partnerin skeptisch ist?

Damit ein lösungsorientiertes Gespräch über Kinderbetreuung möglich wird, müssen beide Eltern zuerst Verständnis aufbringen können, worum es dem anderen geht. Der Vater sollte seinen Wunsch nicht als Vorwurf formulieren, sondern als Beziehung- und Verantwortungswunsch: «Ich möchte mehr Zeit mit unserem Kind verbringen und mehr Verantwortung übernehmen.» Gleichzeitig ist es wichtig, dass er sich für die Bedenken der Partnerin interessiert und sie ernst nimmt, statt sie als Abwertung oder Kritik zu sehen.
Skepsis der Mutter kann verschiedene Gründe haben: Sorge um das Kind, eigene Ansprüche an Fürsorge, schlechte Erfahrungen, fehlendes Vertrauen in eingespielte Abläufe oder auch das Gefühl, als Mutter Verantwortung abgeben zu müssen.
Praktisch würde ich nicht mit der grossen Grundsatzdebatte beginnen, sondern mit einem konkreten nächsten Schritt: zum Beispiel ein fixer Nachmittag, ein Abendritual, ein halber Wochenendtag oder eine regelmässige Bring- oder Abholsituation, die der Vater eigenverantwortlich übernimmt. Wichtig ist dabei: Eigenverantwortung bedeutet nicht, dass die Mutter die Aufgabe delegiert und kontrolliert, sondern dass der Vater seinen eigenen Weg mit dem Kind entwickeln darf.

Wenn solche Gespräche immer wieder zu Spannungen oder Missverständnissen führen, ist eine fachliche Drittperson sinnvoll. Im Kanton Zürich können etwa die Mütter- und Väterberatung oder Familien- und Erziehungsberatungsstellen unterstützen; die Mütter- und Väterberatung des Kantons Zürich berät zu Entwicklung, Gesundheit und Organisation des Familienlebens mit Kindern von 0 bis 5 Jahren vertraulich und kostenlos. 

3 Wie kannst du die Beziehung zu deinen Kindern stärken, wenn diese sich stark an der Mutter orientieren und sie sich oft einmischt?

Wenn die Mutter im Familienalltag gleichzeitig präsent ist und sich häufig einmischt, ist das für alle anspruchsvoll. Dem Vater kann es das Gefühl geben, nicht kompetent zu sein. Der Mutter kann es schwerfallen, Kontrolle abzugeben. Und das Kind orientiert sich dann möglicherweise noch stärker an der Mutter. Hier hilft ein Gespräch ausserhalb der akuten Situation. Sinnvoll wäre nicht: «Du mischst dich immer ein», sondern eher: «Ich merke, dass ich schwer in meine Rolle komme, wenn du sofort übernimmst. Ich möchte mit unserem Kind eigene Erfahrungen machen dürfen. Was brauchst du, damit du mir das eher zutrauen kannst?»
Auch hier gilt: Es braucht Wohlwollen auf beiden Seiten. Der Vater muss Verantwortung wirklich übernehmen – inklusive Vorbereitung, Fehlern, Lernen und Dranbleiben. Die Mutter muss ihm Raum geben, damit er diese Kompetenz entwickeln kann.

Die Vater-Kind-Beziehung wird besonders dann gestärkt, wenn Vater und Kind eigene, ungestörte Erfahrungen miteinander machen können. Es ist deshalb hilfreich, feste Zeiten einzuplanen, in denen der Vater allein für das Kind zuständig ist – nicht als «Babysitter», sondern als vollwertiger Elternteil. Das können kleine, regelmässige Situationen sein: ins Bett bringen, baden, einkaufen, Spielplatz, Morgenroutine oder feste Vater-Betreuungszeiten. Entscheidend ist dabei nicht allein die verbrachte Zeit, sondern auch die Qualität: Verlässlichkeit, Feinfühligkeit, Spiel, Trost, Alltagsverantwortung und die Erfahrung des Kindes, dass der Vater zuständig sein kann. Weiterre Tipps findest du in der Papodcast Folge «Wettstreit ums Kinderherz»

4 Du wünscht dir mehr Nähe zur Partnerin. Was kannst du als Mann tun, wenn weder Rückzug noch Vorschläge für gemeinsame Aktivitäten etwas verändern?

Zuerst ist wichtig zu normalisieren: Nach der Geburt eines Kindes verändert sich die Paarbeziehung häufig stark. Viele Paare erleben im Übergang zur Elternschaft eine Abnahme von Beziehungszufriedenheit, positiver Kommunikation und Paarzeit. Auch Sexualität und körperliche Nähe können sich in der Schwangerschaft und nach der Geburt deutlich verändern; sie werden durch körperliche, psychische, hormonelle und soziale Faktoren beeinflusst. Stillen, Müdigkeit und hormonelle Veränderungen können das Bedürfnis nach Nähe zum Partner und nach Sex ebenfalls schmälern. 

Für den Vater heisst das einerseits: Geduld ist wichtig. Andererseits sollte er sich nicht einfach zurückziehen und hoffen, dass es von allein besser wird. Rückzug kann von der Partnerin auch als Desinteresse erlebt werden. Besser ist ein ruhiges, nicht forderndes Gespräch: «Ich vermisse unsere Nähe. Ich möchte dich nicht unter Druck setzen, aber ich möchte, dass wir als Paar nicht ganz verloren gehen.»

Ich finde in diesem Zusammenhang das Bild des «Liebesministers» von Jesper Juuls hilfreich. Gemeint ist: Einer übernimmt bewusst Verantwortung dafür, dass die sinnliche Paarbeziehung im Übergang von der Paar- zur Elternrolle nicht ganz untergeht. Das bedeutet aber nicht, dass der Mann allein zuständig ist oder die Partnerin «überzeugen» muss. Ein guter «Liebesminister» fragt auch: Was brauchst du? Was wäre für dich im Moment angenehm? Was ist zu viel? Was fehlt dir? Nähe beginnt oft nicht bei Sexualität, sondern bei Entlastung, Zuwendung, Interesse und Zeit ohne Funktionsmodus.

Praktisch würde ich geplante Paarzeiten empfehlen. Es muss nicht gleich ein Wochenende sein. Manchmal reichen ein bis zwei Stunden, in denen nicht über das Elternsein, Organisation, Einkauf, Kita und Schlafrhythmus gesprochen wird, sondern über die Paarebene: Wie geht es dir mit uns? Was vermisst du? Was tut dir gut? Was ist im Moment schwierig?  

Hilfreich können Gesprächskarten oder angeleitete Fragen sein, wenn Paare schwer ins Gespräch kommen. Zum Beispiel: Patricia Lannen und Oskar Jenni (2025). Miteinander reden. 101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder. Solche Tools ersetzen keine Paarberatung, können aber einen niederschwelligen Einstieg schaffen – gerade wenn beide müde sind und der Alltag stark von Elternaufgaben bestimmt wird.

5 Sie wünscht sich Kinder, du möchtest keine. Wie könnt ihr als Paar damit umgehen?

Das ist einer der grundlegendsten Konflikte, die ein Paar haben kann, weil es nicht nur um eine Alltagsentscheidung geht, sondern um Lebensentwürfe. Zuerst sollte der Mann für sich klären: Warum möchte ich keine Kinder? Ist es eine klare, stabile Entscheidung? Oder stehen Ängste im Vordergrund – etwa Angst vor Verantwortung, Freiheitsverlust, finanzieller Belastung, Überforderung oder davor, kein guter Vater zu sein?

Wichtig ist: Der Kinderwunsch der Partnerin darf nicht bagatellisiert werden. Gleichzeitig darf sein Nein nicht moralisch abgewertet werden. Beide Positionen sind existenziell. Uneinigkeit zwischen Partnern kann Kinderwünsche verzögern oder dazu führen, dass sie nicht realisiert werden. 
Ein Paar sollte deshalb nicht vorschnell nach einem Kompromiss suchen, wo es vielleicht keinen echten Kompromiss gibt. Ein halbes Kind gibt es nicht. Möglich ist aber, die Bedeutung hinter den Positionen zu verstehen: Was bedeutet Mutterschaft für sie? Was bedeutet Kinderlosigkeit oder Vaterschaft für ihn? Was wäre verhandelbar – Zeitpunkt, Rahmenbedingungen, Unterstützung, Lebensmodell? Und was ist nicht verhandelbar?
Wenn die Wünsche dauerhaft unvereinbar bleiben, muss das Paar ehrlich prüfen, ob die Beziehung unter diesen Voraussetzungen weitergeführt werden kann, ohne dass eine Person einen zentralen Lebenswunsch aufgibt und später Groll entwickelt. Eine Paarberatung kann hier sehr sinnvoll sein – nicht um jemanden umzustimmen, sondern um Klarheit, Fairness und gegenseitigen Respekt in einer schwierigen Entscheidung zu ermöglichen.

6 Sie bestimmt alle Entscheidungen, die das Kind betreffen. Was kannst du als Vater tun, um diesem Ungleichgewicht zu begegnen?

Der erste Schritt ist, dieses Ungleichgewicht überhaupt wahrzunehmen. Oft entsteht es nicht von heute auf morgen, sondern schleichend: Eine Person übernimmt mehr Verantwortung, trifft mehr Entscheidungen, denkt an mehr Dinge – und die andere zieht sich zunehmend zurück. Irgendwann ist daraus ein festes Muster geworden: Die eine kontrolliert, die andere vermeidet; die eine entscheidet, die andere gibt Eigeninitiative ab.
Für den Mann ist wichtig, nicht nur zu sagen: «Du bestimmst alles», sondern auch den eigenen Anteil anzuschauen: Wo übernehme ich Verantwortung oder wo bin ich einfach „der Assistent“? Wo war Rückzug vielleicht bequemer oder konfliktschonender? Wo möchte ich wieder aktiver werden? Faire Rollenteilung bedeutet nicht nur, Aufgaben zu übernehmen, sondern auch Verantwortung, Planung und Entscheidungskompetenz zu tragen.

Das Gespräch sollte möglichst konkret sein. Nicht: «Du lässt mir keinen Raum», sondern: «Ich möchte bei den Entscheidungen rund um unser Kind (wieder) aktiver beteiligt sein. Lass uns anschauen, welche Bereiche du bisher allein trägst und welche ich verbindlich übernehmen kann.»
Gerade bei der elterlichen Aufgaben- und Verantwortungsteilung ist wichtig, den Blick stets auf dem Kind zu behalten. Wenn Frustration und Verletzungen sehr gross sind, verlieren Eltern häufig den gemeinsamen Fokus; dann geht es rasch um Rechthaben, alte Kränkungen oder Machtfragen statt um gute Lösungen für das Kind und die Familie.

Wenn das Muster stark eingefahren ist, ist fachliche Unterstützung angezeigt. Beratung kann helfen, die Dynamik zu sortieren, Bedürfnisse beider Eltern sichtbar zu machen, Verletzungen zu reduzieren und wieder zu verbindlichen Absprachen zu kommen. Dafür gibt es verschiedene niederschwellige Angebote, etwa Mütter- und Väterberatung, Familienberatung oder Paarberatung.

Über den Autor: Daniel Bünter ist Väterberater beim Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB) des Kantons Zürich und Mitglied der Fachgruppe Väterberatung im Frühbereich.

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